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07.03.08: Die Cervelat-Krise

Von aussen betrachtet, scheint es, als sei die Schweiz ein Land ohne Probleme. Selbst die Steueraffäre, unter der der Ruf Lichtensteins arg gelitten hat, ging am Schweizer Bankwesen bisher vorbei. Dennoch wird die Schweiz von einer Krise erschüttert, die so gross ist, dass sich sogar das Parlament und eine Bundesrätin (vergleichbar mit einem Minister in anderen Ländern) damit beschäftigen muss.

Worum geht es? Der Cervelat ist bedroht! Nicht-Schweizern wird das nicht unbedingt ein Begriff sein, daher eine kurze Erklärung: Es handelt sich um ein Wurst (vergleichbar mit dem Ding, was im Süden Deutschlands als "Rote" bezeichnet wird).

Wer ist schuld? Natürlich die EU! Man kann ja so einiges negatives über die EU finden, aber dass sich die Leute dort um die Wurst eines Nicht-EU-Landes kümmern, ist doch ein starkes Stück. Warum tun die das? Einfache Erklärung: Der EU ist die Schweizer Cervelat schlichtweg egal und niemand kommt dort wohl auch nur ansatzweise auf den Gedanken sich mit einer Schweizer Wurst zu beschäftigen. Ursache ist lediglich ein Importstop der EU für brasilianische Rinderdärme.

Noch nicht klar? Das ist nicht verwunderlich, also werde ich das noch etwas weiter erklären. Die "Schweizer Nationalwurst" ist scheinbar dringend auf brasilianische Rinderdärme angewiesen. Und die Schweiz hat ihr Lebensmittelrecht (nicht ganz uneigennützig) an das der EU angepasst und verbietet sich nun selbst, diese Därme zu importieren.

Wie problematisch das ganze ist, erläutert ein FDP-Politiker: "Im Rinderdarm stecke eine Mischung aus Einfachheit, Bodenständigkeit, Lagerfeuerromantik und Nationalstolz." Zufällig ist dieser Politiker auch Präsident des Schweizer Fleischfachverbandes.

Dem Aussenstehenden fallen vielleicht ein paar Fragen ein, auf die ich auch keine Antwort habe:

  • Wie "national" ist eine schweizer Wurst, deren scheinbar kritischste Zutat brasilianische Rinderdärme sind?
  • Diese Wurst ist über 100 Jahre alt. Wurden für den Cervelat auch im 19. Jahrhundert brasilianische Rinderdärme genutzt?
  • Wie schaffen es, die Süddeutschen, eine solche Wurst ohne die entsprechenden brasilianischen Därme herzustellen?

Einen Vorteil hat das Ganze aber doch: Die Schweizer Zeitungen haben mal wieder ein Thema, was man beliebig oft aufwärmen kann (der Tagesanzeiger hätte vermutlich ein Problem, wenn er nicht einmal wöchentlich über die Rettung des Cervalat berichten könnte). Und man hat auch mal wieder ein Thema um über "die Bürokraten in Brüssel" herzuziehen. Interessanterweise stellt sich niemand laut die Frage, wie eigenständig die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied eigentlich ist, wenn Entscheidungen der EU ein Schweizer Wurst bedrohen.

Weil wir gerade bei Würsten sind: Wussten Sie, dass eine Kalbsbratwurst nur etwas mehr als die Hälfte des Fleischanteils Kalbfleich sein muss? Eine Mischung aus 49% Schweinefleisch und 51% Kalbfleisch ergibt eine Kalbsbratwurst. Erhöht man den Anteil des Schweinefleisches nur um 2% wird daraus auf einmal eine Schweinsbratwurst. Wer - aus welchen Gründen auch immer - kein Schweinefleisch isst, sollte also auch Kalbsbratwürste meiden! Bei einer Analyse im Jahr 2006 wurde übrigens festgestellt, dass in 7% der Kalbsbratwürste nicht einmal die Hälfte des Fleischanteils Kalbfleisch war.

 Ach ja: Die Schweiz ist nicht das einzige Land mit kritischen Problemen: Die Dänen haben wohl (nach ??? Jahren) herausgefunden, dass Ikea Fussmatten nach dänischen Orten benannt hat, während Polstermöbel schwedische Namen bekommen.  Einen Vorteil haben die Dänen jedoch: Eine Mitschuld der EU kann bisher ausgeschlossen werden.

Rubrik: Gesellschaft, Blog

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